Wir bieten das Interview auch im PDF Format. Zum einen als Heimdruckerversion, sowie als vollständiges Magazin.
Lieber Leser,
sechs Monate ist es nun her, dass das
blankInterview Magazin sein erstes Gespräch mit Herrn Albrecht führte. Seither wurde sein Ausspruch, „In fünf Jahren ist die Kölnarena fällig“, häufig zitiert. Auch wenn wir generell ein wenig Stolz sind nun überhaupt eine zweite Ausgabe zu präsentieren, so wollen auch wir uns immer weiterentwickeln. Zwar haben wir sowohl an der inhaltlichen Ausrichtung, als auch am Aussehen des Magazins einige Veränderungen durchgeführt. Für die zukünftige Entwicklung sind wir jedoch auf Ihre Kritik angewiesen. Aus diesem Grund freuen wir uns über jedes ernstgemeinte Feedback um unserem Ziel, den Werdegang und die Visionen derer nachzuzeichnen, die den eSport prägen und gestalten, näher zu kommen.
Nun wünschen wir Ihnen ein spannendes Lesevergnügen beim Gespräch mit Jan Philipp Reining. Der 31-jährig hat durch die Gründung der ESL den europäischen eSport wie kaum jemand geprägt. Im Gespräch mit
blankInterview schildert er seinen persönlichen Werdegang im eSport, die Bereitschaft Risiken einzugehen und seine Pläne für die Zukunft.
Zunächst einmal würde ich gerne fragen, wie entspannen Sie sich abseits des eSport?
Das ist ganz unterschiedlich. Ich daddel relativ viel. In meinem Jahrgang und auch in der Firma bin ich einer derjenigen, die abends noch am meisten spielen. Die meisten neuen Spiele habe ich auch sofort, dafür spiele ich sie allerdings meist nicht so lange. Ansonsten muss ich auch ehrlich zugeben: Selbst zu Hause zu programmieren kann sehr entspannend sein. Ich habe aber natürlich auch abseits des Rechners noch ein „Real Life“. Das ist allerdings abseits von dem, was ich online mache und öffentlich preisgebe.
Sie sind früher mal gesegelt und haben Tennis und Hockey gespielt...
Ja, gerade in der Zeit als ich noch in Hamburg war. Damals war das noch sehr viel mehr, nur heute ist es anstrengender geworden bei dem Zeitmangel auch noch dafür Zeit zu finden. Aber ich versuche es, also Fitness ist hin und wieder angesagt oder auch joggen im Sommer.
Wie muss man sich einen typischen Arbeitstag bei Ihnen vorstellen?
Derzeit heißt ein typischer Arbeitstag bei mir um acht Uhr aufzustehen und um neun Uhr in der Firma zu sein. Dann bin ich meistens bis 19 Uhr im Büro – mal eine halbe Stunde früher, mal später. Abends versuche ich dann nicht mehr am Rechner zu sein. Jedoch wenn ich abends noch spiele, ist der Blick auf die ESL Seite nicht weit und somit geht es zu Hause dann manchmal weiter. Wobei das dann eher eine andere Arbeit ist, sprich schauen was aktuell ist und so. Also der Übergang zwischen Arbeit und Freizeit ist fließend.
Die Community reagiert nicht immer – nennen wir es mal positiv - auf die Entwicklung der ESL. Wie gehen Sie mit solcher Kritik um?
Mit acht Jahren Erfahrung. (lacht) Am Anfang hat man sich darüber noch viel mehr Sorgen gemacht, aber inzwischen weiß ich, dass man sich Sorgen machen muss, wenn die Leute nicht flamen. Mittlerweile weiß man wie man mit der Kritik umzugehen hat. Was uns manche zum Beispiel nicht glauben wollen ist, dass wir uns wirklich noch alles durchlesen. Ich lese auch mein Gästebuch immer noch durch, obwohl es mittlerweile fast schon zu einer eigenen Aufgabe geworden ist (lacht), oder auch die Kommentare, denn es ist der direkteste Rückkanal zu den Usern, den man haben kann. Man muss es nur entsprechend werten können. Wenn beispielsweise unter einer News zu Re-Design erst einmal hundert Kommentare stehen, nach dem Motto: „Ist sowieso alles scheiße, finde ich doof“, dann weiß ich genau, wie ich damit umzugehen habe. Man muss dann erst einmal ein bisschen warten und dann merken die Ersten, dass es vielleicht doch nicht so schlecht ist. Grundsätzlich macht es halt Spaß zu flamen und für die User ist keine große Hemmschwelle da, dass heißt, man kann erst mal rummotzen. Aber die eigentliche Nutzung der Entwicklungen hinterher ist das Entscheidende. Daher muss man erst mal abwarten.
Also nehmen Sie die Kritik auch nicht persönlich?
Nein, persönlich sowieso nicht. Ich glaube dann könnte ich den Job auch nicht machen. Also wenn ich als Pieeeeeep oder Pieeeeeep beleidigt werde, da stehe ich drüber und das prallt an mir ab.
Wie fing das Spielen bei Ihnen eigentlich an? Was hat Sie am Spielen fasziniert?
Gute Frage. Generell hat mich zum einen die technische Komponente fasziniert, zum anderen dann auch der sportliche Faktor. Ich war schon immer ein Spielkind und werde es auch immer bleiben und das ist halt die geilere Form davon. (schmunzelt)
Jetzt ist der Schritt, davon zu sagen ich bin ein Spielkind, hin zu einer eigenen Liga schon gewaltig. Die erste Liga haben Sie 1997 eröffnet und nur vom Spielen kam man doch bestimmt nicht auf die Idee eine eigene Liga aufzumachen – zumindest damals.
Das kam ein wenig durch meine sportliche Aktivität. Wie schon gesagt, habe ich früher Tennis und so weiter gespielt und an ein Schlüsselerlebnis erinnere ich mich noch. Im Tennisclub hing damals eine Rangliste aus, die die ungefähr zwanzig besten Spieler anzeigte. Ich weiß noch ganz genau, dass der Eine den Anderen herausfordert und wenn er gewinnt werden die Plätze getauscht. Das war das erste Ranglistensystem welches ich live gesehen habe, aber damals hatte ich noch nicht so viel mit Computerspielen zu tun. Das kam erst hinterher, als man feststellte, dass man gegeneinander spielen kann. Zuerst über ein Nullmodemkabel mit zwei Rechnern im Zimmer und hinterher kam dann das Internet. Für mich war es eigentlich eine direkte Verbindung, dass, wenn man gegeneinander spielt, man eine Liga daraus machen kann. Rückblickend gesehen scheint es ganz wegweisend und vorausblickend, aber damals habe ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht, sondern es war einfach naheliegend und hat Spaß gemacht. Die erste Liga hatte, glaube, ich acht Leute und war mit Doom2 und Command & Conquer.
Wie kam dann daraus der Kontakt mit Jens Hilgers zustande?
Der Kontakt mit Jens kam durch eine IRC Bekanntschaft, der mich und Jens kannte. Jens brauchte damals eine Webseite und so kam der erste Kontakt zustande, über die damals noch sehr kleine Gamer-Community, wo jeder jeden kannte.
Er sagte mal, er habe Sie quasi dazu gezwungen Ihr Studium aufzugeben.
(lacht) Das ist Jens. Nein das kam insofern zustande, dass ich zu dem Zeitpunkt Architektur studiert habe. Das hätte ich auch weiter gemacht, allerdings hat sich schon damals abgezeichnet, dass ich in meinem Hobbyprojekt wesentlich mehr Spaß und Engagement gezeigt habe. Es hat sich dann die Möglichkeit ergeben in Köln als Webdesigner anzufangen, aber ich hatte schon im Hinterkopf, dass aus der anderen Geschichte – auch wenn sie noch in den Kinderschuhen steckte – eventuell mehr werden könnte. Im Endeffekt war es eine ziemliche Bauchentscheidung, die ich aber bis heute nicht bereue.
Ab wann gab es den Punkt an dem Sie wussten, dass Sie damit Ihr Geld verdienen würden?
Tja gute Frage, es ist einfach so passiert. (lacht)
Also es war keine Entscheidung bei der man aktiv sagt, ich lasse mein sonstiges Leben hinter mir und fange damit an?
Nein, es war halt eine recht unbeschwerte Zeit. Wir haben dabei nicht nur Gefahren sondern vielmehr Chancen gesehen. Wir haben gemerkt, hier ist eine Sache die uns viel Spaß macht und bei der wir die Möglichkeit haben eine Firma zu gründen, also: Auf und los!
Wie hat Ihr Bekanntenkreis darauf reagiert, als Sie sagten, wir machen eine Liga für Computerspiele, was damals wohl kaum einer kannte?
Ich muss auf jeden Fall sagen, dass meine Eltern immer wahnsinnig viel Verständnis dafür hatten. Früher hat mir meine Mutter noch den AMIGA weggenommen, wenn ich entsprechende Noten nach Hause gebracht habe. Das ich das Ganze dann hinterher zu meinem Berufsinhalt mache und das bis dato, Gott sei Dank, recht erfolgreich, dafür kann ich meinen Eltern nur danken, dass sie es mitgemacht haben, dass ich mein Studium geschmissen habe. Heute habe ich im Endeffekt nur mein Abitur auf dem Papier und sonst gar nichts, keine Ausbildung und kein abgeschlossenes Studium. Nur in Anführungsstrichen die Firma. Ansonsten gab es im Bekanntenkreis eine Mischung aus Kopfschütteln, Respekt und allem dazwischen.
Sind Sie ein Mensch der diese Risiken gerne eingeht, denn es war sicherlich ein Risiko damals diesen Schritt zu gehen?
Klar, ein riesiges Risiko. Aber dazu gehört, glaube ich, ein bisschen das soziale Netz im Hintergrund. Damit ich weiß, selbst wenn die Sache jetzt total auf den Boden fällt, dass ich nicht unter der Brücke schlafen muss. Ansonsten bin ich generell jemand, der sich sehr für etwas begeistern kann. Wenn ich etwas mache, was mir gefällt, dann mache ich es und denke nicht an Risiken oder Probleme, sondern generell: „Wird schon irgendwie“.
Gab es mal den Punkt an dem Sie sich gefragt haben, warum habe ich nicht etwas anderes, „Vernünftiges“, gemacht?
(sehr schnell) Nicht einmal.
Wie lief die Entwicklung weiter ab? Sie haben dann die DeCL gegründet...
Die ganze Geschichte ist etwas komplizierter und wir haben selber Probleme das zu rekonstruieren. An dieser Stelle muss ich auf das Spezial verweisen, dass dieses Jahr im Zuge des 10. jährigen Jubiläums noch kommen wird. Wir mussten wirklich sonst wen befragen und vielen Puzzelstückchen zusammentragen, um dort eine klare Linie zu bekommen. Die DeCL selber haben wir damals nicht gegründet. Ich habe drei andere Ligen gegründet, aber die DeCL nicht. Allerdings war ich schon sehr früh beteiligt daran und wir haben sie dann quasi übernommen. Der Spruch, dass die ESL seit 1997 besteht ist schon richtig, weil die DeCL so lange bereits besteht, aber wir sind halt selber zur Zeit dabei die genaue Geschichte auseinander zuklamüsern.
Man findet zum Beispiel sehr wenig über die Gamers Network GmbH und das darauf folgende Turtle Entertainment ...
Genau bei diesen Geschichten müssen wir schauen wie es sich entwickelt hat. Man kann sich das gar nicht vorstellen, weil man das Gefühl hat, man recherchiere irgendwelche Mittelaltergeschichten, wo irgendwelche Dokumente vernichtet wurden oder sonst was. Also das ist wirklich wahnsinnig und man ärgert sich auch, dass man die Sachen damals nicht besser dokumentiert hat. Es ist halt schon sieben bis acht Jahre her und deshalb müssen wir jetzt schauen, dass wir es alles wieder zusammenbekommen, um endlich eine offizielle Geschichte zu haben, damit wir es in 10 Jahren nicht erst recht vergessen haben.
Sie haben einmal gesagt: „Die ESL ist nicht weniger als mein Lebenswerk, ohne dass ich es geplant hätte.“ Mit welchem Gefühl erinnern Sie sich an die Anfänge zurück und die Entwicklung bis heute?
Zum damaligen Zeitpunkt habe ich nie geahnt wie groß es alles einmal werden würde, sondern es hat sich alles entwickelt. Als ich die ersten Ligen entwickelte, habe ich noch nicht darüber nachgedacht, dass es irgendwann einmal mein Beruf würde. Mit der Aussage, dass es mein Lebenswerk ist, wollte ich unterstreichen, dass es nicht wie bei anderen New-Economy Firmen ist, indem wir sagen, wir machen das Ganze in fünf Jahren möglichst groß, um es dann zu verkaufen. Ich sehe schon, dass ich dieses Projekt noch eine ganze Weile vorantreiben werde und damit beschäftigt sein werde. Alleine deshalb, weil wir noch so viele Ideen haben, die mindestens für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre reichen werden.
Wie hat sich die Firma verändert? Von damals sieben Leuten zu mittlerweile über hundert?
Der Ralf [Reichert a. d. R.] hat mal bei einem Bewerbungsgespräch gesagt, dass sich die Firma alle halbe Jahr komplett neu definiert und strukturiert. Also wenn man sieht, dass man sich in diesen - im Endeffekt doch recht kurzen Jahren - von sieben auf inzwischen fast 140 Mitarbeiter entwickelt hat, dann gibt es wirklich fast alle halbe Jahr neue Strukturen. Wir hatten einige große Knackpunkte, wie beispielsweise der Umzug ins neue Büro oder die Etablierung von eigenen Abteilungen mit den entsprechenden Abteilungsleitern. Die Hierarchien sind zwar immer noch relativ gering, aber gewisse Strukturen sind halt nötig. Und dies hat sich eben in den letzten Jahren so entwickelt und immer wenn man sich eingespielt hatte, kam etwas Neues. Wir bewegen uns als Firma ziemlich schnell. Das bringt das – jetzt wird es poetisch – schnelllebige Internet mit sich. Aber es ist wirklich so.
Dabei wurde mal gesagt, dass die Schildkröte als Logo gewählt wurde, weil sie sich langsam aber stetig entwickelt.
(lacht) Ja, das haben wir damals da hineininterpretiert.
Haben Sie denn manchmal das Gefühl, dass sie sich zu schnell entwickeln? Beispielsweise mit GIGA2.
Nein gar nicht. Im Laufe der Jahre war eine der wichtigsten Erfahrungen die man gemacht hat die, dass die Dinge alle länger dauern als man es denkt und will. Also die Entwicklungen sind stetig aber langsam. Deswegen finde ich nicht, dass wir uns zu schnell entwickelt haben. Manche sagen, die Entwicklung geht viel zu langsam, dass manche Sachen nicht so schnell umgesetzt werden, aber ich denke wir haben ein ganz gesundes Wachstum. Das wir auch nur mit dem Geld, was wir eingenommen haben ständig investieren in zum Beispiel neue Leute oder neue Techniken. Also wir stecken wirklich jeden Cent in die Entwicklung, um die Sache noch besser zu machen. Insofern glaube ich nicht, dass wir uns zu schnell entwickelt hätten. Auf keinen Fall. Einige Sachen funktionieren halt besser als andere, aber alles andere wäre auch unrealistisch.
Machen Sie sich manchmal Sorgen um Ihre Entwicklung?
Nö, gar nicht. Es ist eigentlich dasselbe Thema wie vorhin mit den Risiken. Wenn man sich nur die ganze Zeit über Risiken Gedanken machen würde, dann müsste man wohl eine etwas sicherere Stelle haben. Natürlich gibt es Phasen, in denen man sich fragt, ob dies oder jenes das Richtige ist, aber generell bin ich vom Online-Gaming und eSport überzeugt und weiß, dass wir erst ganz am Anfang stehen. Wir sind immer noch eine sehr kleine Kernzelle vom ganzen Gamingmarkt und es wird sich noch wesentlich weiter entwickeln, das es eine ganz normale Volksbeschäftigung wird neben Fernsehen, Sport oder sonst was.
Wollen Sie eigentlich mit der ESL alt werden?
Ja. (schmunzelt)
Haben Sie sonst noch einen Traum?
Einen persönlichen Traum oder für die ESL?
Beides.
Eines meiner wichtigsten Anliegen für die ESL ist eigentlich, dass das Verständnis für den Sport noch stärker wird. Dass die User das Gaming auch in dem Sinne als Sport sehen, im Bezug auf Sportsgeist, Fairness und Respekt vor dem Anderen. Es ist in letzter Zeit einfach auf Grund der Massen die gekommen sind ein wenig auf der Strecke geblieben. Vor sechs, sieben Jahren war alles überschaubarer und heimiger, wo manche Leute auch sagen „Ach die guten alten Zeiten“. Aber ich sehe das eher als Herausforderung, dass wir allgemein versuchen, den Sportsgeist wieder ein bisschen zu etablieren. Es ist vielleicht ein kleiner naiver Weltverbessereransatz von mir, aber ich glaube immer noch daran. Persönliche Wunschziele...
(überlegt)
Also, wo wollen Sie zum Beispiel in zwanzig Jahren sein?
In zwanzig Jahren denke ich mir neue tolle Features für die ESL aus und habe nebenher noch viel Zeit für Familie, Kind und daddeln. (schmunzelt)
Dann hoffen wir, dass es so kommt.
Ich arbeite daran.
Herr Reining vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte edshirt